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Ideale Formen und roher Stoff

Olaf Holzapfel
10.07 — 04.10
2026

Olaf Holzapfel und Raul Walch
IDEALE FORMEN UND ROHER STOFF
10.07.—04.10.26

Mit der Ausstellung „Ideale Formen und roher Stoff“ entwickeln Olaf Holzapfel (*1967 in Dresden, lebt in Berlin) und Raul Walch (*1980 in Frankfurt am Main, lebt in Berlin) eine gemeinsame Präsentation im Obergeschoss und Außenraum der Villa Merkel. Ausgangspunkt der Ausstellung ist die Frage, wie sich aus der Beobachtung der Natur Möglichkeitsräume konstruieren lassen und wie Architektur, Material und gemeinschaftliche Räume neu gedacht werden können. Holzapfel und Walch greifen reale Räume auf und richten den Blick auf Luft, Wasser, Pflanzen und Erde—Elemente, die so selbstverständlich erscheinen, dass sie kaum hinterfragt werden. Die Künstler befassen sich mit den langsamen Prozessen scheinbar einfacher Dinge, ihrer Poesie und ihrer transformativen Kraft. All diese Elemente prägen auch Esslingen.
Die Räume der Villa Merkel werden mit Weidengeflechten, Lehm, Denim-Textilien und beweglichen Elementen gestaltet und als offene, wandelbare Strukturen erfahrbar gemacht.
Olaf Holzapfel transformiert natürliche Materialien und elementare raumbildende Techniken in Kunstwerke und entwickelt so neue Bildsprachen mit regionalem Bezug. Er bindet die materiellen Räume, in denen wir leben und handeln, in seine Arbeiten ein. So widersetzen sie sich vereinfachenden, globalisierenden Trends.

Raul Walch ergänzt diese Ansätze durch bewegliche Textilinstallationen, Banner und partizipative Arbeiten, die Wind, Bewegung und soziale Prozesse einbeziehen.
In einer Zeit der Deindustrialisierung setzen sich Holzapfel und Walch damit auseinander, welcher Raum nach der technischen Überpräsenz der modernen und postmodernen Welt bleibt und neu entstehen kann. Beide beschäftigen sich seit vielen Jahren mit den Übergängen zwischen Material, Form und Idee und auch mit ökologischen Zusammenhängen. Die alternative Kultur der 1960er und 1970er Jahre stellte sich schon einmal diesen Fragen, indem sie stoffliche und immaterielle temporäre Architekturen schuf. Bereits der Architekt und Visionär Richard Buckminster Fuller war sich in seinen Konstruktionen der endlichen Ressourcen der Erde bewusst. Die baulichen und handwerklichen Traditionen Esslingens bilden einen wichtigen Bezugspunkt in der Ausstellung. Fachwerkarchitektur und Weberei beruhen gleichermaßen auf Wiederholung, Struktur und dem Verbinden einzelner Elemente. Dieses Denken in Gefügen und Mustern prägt bis heute die Architektur und Geschichte der Stadt. Auch die Industrielandschaft des Neckartals mit ihren Verkehrswegen, Fabriken und Infrastrukturen bleibt als sichtbare Spur der Moderne präsent. Der Philosoph Bruno Latour beschrieb in seinem Buch „Wir sind nie modern gewesen“ die Unterscheidung von Natur und Gesellschaft als grundlegendes Prinzip moderner Gesellschaften, während zugleich fortwährend hybride Gebilde und Zwischenräume entstehen, in denen beide Bereiche miteinander verflochten sind.

Hier setzt die Ausstellung an: Sie fragt danach, wie sehr unser heutiger Blick auf Material, Raum und Umwelt noch immer von den Vorstellungen der industriellen Moderne geprägt ist. Holzapfel und Walch greifen traditionelle Techniken wie Flechten, Weben oder Fachwerkbau auf und untersuchen auf assoziative Weise, warum diese Konstruktionsweisen über Jahrhunderte Bestand hatten. Mitte des 19. Jahrhunderts analysierte der Architekt und Kunsthistoriker Gottfried Semper in seiner Stiltheorie textile Techniken wie Weben und Flechten und erkannte in ihnen den gestalterischen Ursprung der Architektur und des Ornaments. Für Semper war das Flechten von Fasern ein Zusammenspiel von mentaler Kompetenz, körperlicher Arbeit, den Möglichkeiten der Natur, von Technik und kultureller Notwendigkeit—eine Art, Bedeutung zu schaffen. Holzapfel und Walch beschäftigen sich mit dieser materiellen, verwobenen Welt, aus der unsere elementaren Vorstellungen hervorgehen. Sie entwickeln neue Bildformate, die weniger an eine bestimmte Epoche gebunden sind als an die Möglichkeiten unseres materiellen Raumes. Material ist Träger von Erinnerung. Es bildet die Vergangenheit nicht einfach ab, sondern hält sie durch seine fortdauernde Verwendung in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten gegenwärtig und befragt diese stets neu. Es geht also weniger um Nostalgie als um die Frage, welches Wissen über Material, Konstruktion und Gemeinschaft in Räumen eingeschrieben ist und um einen Entwurf für eine andere Zukunft.

Fotograf: Frank Kleinbach